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Am Donnerstag, den 10. November 2005 war es dann soweit. Die Abholaktion von Otto aus Wien konnte beginnen. Ich hatte am Freitag und Samstag noch einen Rallye-Einsatztermin in der Eifel, ließ dort einen Fahrzeuganhänger zurück, den ich auf der Rücktour abholen wollte und machte mich abends auf den Weg in Richtung Österreich. Eine ursprünglich vorgesehene Transportkette, bei der ich nur bis Passau hätte fahren müssen, war geplatzt, so dass noch einige 100km bis Wien angehängt werden mussten. Etwas müde kam ich nach 1.000km Fahrt Sonntag Nachmittag bei Otto und seinen Besitzern in Wien an, gespannt, was mich nun erwartet. Vorsichtshalber war eine Hosentasche mit Trockenfutter gefüllt, um auch gleich die Zuneigung von Otto gewinnen zu können. Ich stand nun erst einmal einem Hund mit umgeschnallten Halti-Schnauzenband gegenüber, der mich eigentlich recht freundlich musterte. Also machte ich einen Test, streichelte ihn freundlich, nahm das Halti ab und der erste Futterbrocken wurde von ihm vorsichtig entgegengenommen. Nun war es an mir, etwas verblüfft zu sein. Das sollte der „gefährliche“ Hund sein, über den die Tierärztin für Verhaltenstherapie schrieb:
Zitat: „......dass zeitlebens äußerste Vorsicht im Umgang mit Otto geboten ist, da erstens aggressives Verhalten vielursächlich ist, zweitens derzeit nicht abgeschätzt werden kann, inwieweit der Trainingserfolg von Otto generalisiert wird und damit auch in neuen Situationen greift, und drittens Otto bereits seine Bereitschaft zu ungehemmtem aggressiven Verhalten gegenüber seinen Besitzern unter Beweis gestellt hat.“? Ich jedenfalls konnte zu diesem Zeitpunkt keine Agressionen erkennen und sah meiner Rückreise beruhigend entgegen. Nachdem die notwendige Besitzübertragung und die Übergabe der Impfnachweise erfolgt war, machten Otto und ich uns am späten Nachmittag auf die Rückreise in Richtung Hundepension in der Nähe von Mainz. Für Otto hatte ich einen Gurtgeschirr mitgenommen, um ihn am Sicherheitsgurt anschnallen zu können. So musste er nicht in einer engen Transportbox liegen und konnte sich relativ frei im Inneren des VW-Bullis bewegen.
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Otto macht es sich im „Bulli“ gemütlich |
Der Reiseverlauf selbst verlief zunächst absolut unproblematisch. Otto lag ruhig auf seiner Matte, oder schaute bei langsamerer Fahrt neugierig aus dem Fenster. Zudem erwies er sich als absolut stubenrein. Überkam ihn ein „tierisches Bedürfnis“, meldete er sich und auf dem nächsten Parkplatz ging er diesem zufrieden nach. So gegen Mitternacht wollten wir es uns dann auf einem Parkplatz in der Nähe von Nürnberg gemütlich machen und einige Stunden schlafen. Doch Fehlanzeige! Zunächst leuchtete die rote Ladekontrollleuchte und kurz darauf die Wassertemperaturanzeige. Also sofort auf dem Randstreifen angehalten und im Motorraum nachgeschaut. Ergebnis: Ein Lager an der Wasserpumpe war zerbröselt und der Keilriemen dadurch gerissen. Da standen wir beiden nun bei Regen, Wind und ca. 5°C Außentemperatur. Ich habe zwar immer viel an Ersatzteilen und Werkzeug dabei, doch eine Wasserpumpe gehörte nicht dazu. Nun, wozu ist man ADAC-Mitglied? (Es gibt auch noch andere Clubs!) Ein kurzer Anruf und ca. 1 Stunde später tauchte ein Abschleppwagen bei uns auf. Nur gut, dass im Bulli auch eine Standheizung war. Sonst wäre es etwas ungemütlich geworden. Der Abschleppwagen lud uns auf und brachte uns nach Ansbach auf den Hof einer VW-Werkstatt, die morgens ab 7.00 Uhr Arbeitsbeginn hat. Ich stellte den Wecker auf 6.30 und Otto und ich schliefen noch bis dahin im Bulli. Beide ohne Maulkorb und ohne uns zu beißen. Was Otto von meinen Schnarchgeräuschen gehalten hat, wollte er mir nicht sagen. Wir waren die ersten Kunden beim Werkstattmeister und dieser sicherte uns zu, falls seine Monteure auch alle kommen (es war ja Montag) den Schaden gleich zu beheben
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| Warten auf den Reparaturbeginn |
Ich hinterließ bei ihm meine Handynummer und Otto und ich machten uns zu Fuß auf, die Stadt zu besichtigen. Auch ein Frühstück war ja fällig. Zu dieser frühe Zeit erschien mir der Bahnhof als geeignetes Ziel. Der etwa 1km lange Fußmarsch mit Otto an der Leine durch die Stadt war kein Problem. Weder von Menschen, noch anderen Hunden ließ er sich groß irritieren. Im Bahnhof fanden wir ein schon geöffnetes Bistro, das auch Otto als Kunden akzeptierte. Wir teilten uns also unsere Mettwurstbrötchen und ich hatte meinen erforderlichen Morgenkaffee. Auch hier konnte ich die Ruhe und Gelassenheit von Otto bewundern. Er lag am Boden, beobachtete die ein- und ausgehenden Menschen und ließ sich in keinster Weise irritieren. Bis auf: schwarzhaarige, dunkelhäutige Männer mit Schnauzbart mochte er nicht. Warum? Ich weiß es nicht. Erlebnisse in der Vergangenheit? Fehlende Farbkontraste im Gesicht? Jedenfalls fing er sofort wütend an zu bellen kam ein solcher Mann (meistens ein Türke oder Rumäne) in das Bistro. Mit ruhigen Zureden ließ Otto sich aber auch schnell wieder beruhigen. Um 11.00 Uhr war es dann soweit. Wir konnten weiterfahren. So gegen 3.00 Uhr trafen wir dann in der Hundepension von Mirjam Cordt ein. Beide froh, die ca. 1.000km-Fahrt hinter uns gebracht zu haben.
Überraschend dort für mich: die großzügige und äußerst saubere Anlage in einer reizvollen Hügellandschaft. Hundegebell begrüßte uns. Mirjam Cordt hatte die anderen Pensionshunde vor unserer Ankunft in ihre Wohnräume weggesperrt, um so Otto das erste Einleben in seiner neuen Umgebung stressfreier gestalten zu können. Im großen Freilauf vor den Hundeunterkünften schnüffelte er sofort neugierig herum und nach kurzer Zeit begann er herumzutoben und seine Freiheit nach der langen Fahrt so richtig zu genießen. M.C. machte es ähnlich wie ich: kleine Wurststücke an Otto brachten die erste Annäherung. Ich begann mich von Otto zurückzuziehen, denn hier war ja nun zunächst meine Aufgabe als direkter Betreuer für ihn beendet. (Für mich gerade noch rechtzeitig, denn in den zwei Transporttagen hatte ich mich an diesen schönen und freundlichen Hund schon gewöhnt.)
Zuletzt wurde Otto noch in seinen Unterkunftsraum geführt, um auch diesen kennenzulernen. Die ersten Tage wird er dort allein verbringen, ehe er sich mit einem oder mehreren der anderen Hunde angefreundet hat und dann einen Gemeinschaftsraum bekommt. Vor jedem Unterkunftsraum befindet sich ein kleiner eingezäunter und überdachter Freiplatz, um so ein Gefühl der Enge möglichst zu vermeiden.
Unterkunftsraum Am Spätnachmittag verließ ich dann Otto und Mirjam Cordt und machte mich, nachdem ich meinen Anhänger aus der Eifel abgeholt hatte, auf den Weg nach Hause. Mein derzeitiges Fazit: Der Einsatz für Otto hat sich unbedingt gelohnt! Einmal, um einen solchen tollen Hund vor einer voreiligen Zwangstötung zu bewahren und zum anderen auch persönlich das Glücksgefühl empfinden zu können, mit Erfolg geholfen zu haben. Gespannt bin ich nun auf die weitere Entwicklung und den Lebensweg von Otto. Ich werde hierüber noch berichten.
Auf der Rückreise gingen mir noch folgende Gedanken durch den Kopf:
Viele Menschen hatten in den letzten drei Wochen Anteil und Interesse am Schicksal von Otto gezeigt. Durch Internetveröffentlichungen und private Ansprachen wurden sicher weit über 2.000 Personen informiert. Rückmeldungen kamen selbstverständlich auch dazu. Alle mit der Aufforderung oder Bitte, die Tötung zu verhindern. Doch wirklich tatkräftige Unterstützung oder Hilfe kam für mich erschreckend wenig. Spendenaufrufe erbrachten bis zum 14.10.05 einen Betrag von 90,00 Euro (hierfür Danke!). Dagegen standen allein an Treibstoffkosten für die Transportfahrt 275,00 Euro. In der Zukunft kommen nun noch die Unterbringungskosten für die Hundepension hinzu.
Natürlich bin ich mir auch im Klaren darüber, dass viele Menschen schon in anderen Projekten bis an die Obergrenze ihrer Leistungsfähigkeit eingebunden sind, doch alle???
Man muss sich hier einfach einmal vor Augen halten, dass Forderungen und Wünsche nach Tierhilfe die eine Seite der Medaillie ist. Die andere Seite ist die finanzielle Grundvoraussetzung, diese Hilfe auch leisten zu können. Und solange dies nicht abgesichert ist, halte ich es für fragwürdig, „auf Teufel komm raus“ Nottiere aus dem Ausland hier nach Deutschland oder Österreich einzuführen. Es gibt überreichlich Hunde, die schon längst bei uns in Tierheimen oder auf Pflegestellen sitzen und auf ein neues Zuhause warten.
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