Die Vorgeschichte zu Otto's Rettung
(Die Bilder sind durch anklicken zu vergrößern)

 

Am 23. Oktober 2005 erreichte mich über eine Hirtenhunde-Mailingliste folgende Nachricht:

Ihr Lieben,
dieser "hoffnungslose Fall" eines österr. Kaukasenmischlings wurde mir zugeleitet mit Bitte um Hilfe. Interessant auch der sehr ausführliche Bericht der beteiligten Verhaltenstherapeutin.Nun ist Wien nicht gerade um die Ecke ... weiß vielleicht von Euch jemand Rat oder hätte gar hilfreiche Kontakte in Österreich? Lieben Gruss Birgit

Ergänzt war dieser Hilferuf durch den Hinweis:
Sollte eine solche Vermittlung innerhalb der nächsten drei Wochen nicht zustande kommen, würde der Besitzer dafür sorgen, dass Otto eingeschläfert wird!
Beigefügt waren Adresse und Tel.-Nr. einer Frau Dr. Ulrike Pohl und der Bericht einer anderen Tierärztin, die auch als Verhaltenstherapeutin arbeitet.

Bericht-Verhaltenstherapeutin Seite1 Seite2 Seite3 Seite4

Hinzu kamen noch zwei Bilder eines wuscheligen Hundes.

Das ist der „Tötungskandidat“ Otto

Nun erreichen mich ja häufiger solche Meldungen. Die eigenen Hilfsmöglichkeiten sind auch nicht unbegrenzt, doch der Otto auf den Bilder nahm mich sofort gefangen. Er erinnerte mich stark an den Kaukasen „Gori“, den ich Anfang des Jahres aus einem Tierheim in Istanbul gerettet hatte.
Ich machte mir also die Mühe, den angehängten Bericht der Verhaltenstherapeutin durchzulesen. Dabei fielen mir drei Abschnitte ins Auge:

a) Das verhaltenstherapeutische Gespräch am 11.10.2005 ergibt außerdem, dass Otto auch Herrn W. attackierte, der ihn festhielt und niederdrückte, als Otto beim Anblick eines anderen Besitzers mit einem kleinen Hund aggressiv knurrend und bellend in die Leine sprang.

b) Aus diesem Gründen ist im Umgang mit Otto zeitlebens größte Vorsicht geboten. Otto darf derzeit nur an der Leine und nur mit einem gut sitzenden sicheren Beißkorb geführt werden. Im Haus ist darauf zu achten, dass Otto einen Beißschutz trägt.

c) Abschließend wird noch einmal darauf hingewiesen, dass zeitlebens äußerste Vorsicht im Umgang mit Otto geboten ist, da erstens aggressives Verhalten vielursächlich ist, zweitens derzeit nicht abgeschätzt werden kann, inwieweit der Trainingserfolg von Otto generalisiert wird und damit auch in neuen Situationen greift, und drittens Otto bereits seine Bereitschaft zu ungehemmtem aggressiven Verhalten gegenüber seinen Besitzern unter Beweis gestellt hat.

Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass über einen zweijährigen Hund ein so vernichtendes Urteil gesprochen wird. Da muss irgendetwas anderes dahinterstecken oder falschgelaufen sein.
Ich telefonierte also mit den Besitzern und erfuhr folgendes:
Die genaue Herkunft von Otto liegt etwas im dunkeln. Er soll in Kaukasen-Mix sein und wurde im Frühjahr 2003 in Ungarn geboren. Dort landete er in einer Tötungsstation und wurde durch die Organisation „animallife“ im Mai 2004 an eine junge Frau in Wien weitergegeben, die Otto in dieser Station kennengelernt hatte. Als diese im Sommer 2004 in die USA auswanderte, wurde Otto an die Familie W. in Wien weitervermittelt. Und zwar mit dem Rassehinweis „Leonberger/Kaukasen-Mix“. Und hier fingen dann die Probleme an. Otto zeigte in seiner weiteren Entwicklung weniger Leonberger-Merkmale, sondern ging eindeutig in die Richtung Hirtenhund. Und dafür war die Bleibe und ihr Umfeld einfach nicht geeignet. Die Familie W. bewohnt ein Einfamilienhaus in einer Vorstadt von Wien mit einem relativ kleinen Grundstück. Vor dem Haus in etwa 8m Entfernung verläuft eine gut befahrene Straße mit entsprechender Geräuschentwicklung. Vormittags blieb Otto allein im Haus ohne Beschäftigungsmöglichkeiten. Spaziergänge mit Otto wurden schon gemacht, doch sind diese in einer städtischen Umgebung zwangsläufig mit Geräuschen und vielen unvorhersehbaren Begegnungen verbunden. Hinzu kommt, dass der 14jährige Sohn häufig auch Freundesbesuch bekommt, bei dem nicht sicherzustellen ist, wie sich diese und Otto verhalten. Die neuen Besitzer sahen sich außerstande Otto eine artgerechte Eingewöhnung, Erziehung und Lebensweise zu geben und entschlossen sich, Otto abzugeben. Die Vermittlungsorganisation „animallife“ sah sich zu Hilfen nicht imstande, ein privater Vermittlungsversuch brachte auch keinen kurzfristigen Erfolg. Um Otto ein Leben in einem Tierheim mit Zwinger ersparen, kam also der Entschluss zur Zwangstötung

Die Haustierärztin Frau Dr. Pohl konnte auf Grund ihrer Erfahrungen mit Otto auch nicht an die unbedingte Notwendigkeit einer Tötung glauben und sandte nun über das Internet einen Hilferuf aus, der eben über Umwege auch mich erreichte. Ich informierte sie am 24.10., dass ich versuchen werde, einen Platz für Otto zu finden.
Zunächst wurde Otto unter Nothunde auf der Internetseite von „pro-herdenschutzhunde.de“ eingestellt.
Der Verein „pro-herdenschutzhunde e.V.“ konnte mir jedoch hinsichtlich einer schnellen Unterbringung von Otto keine Hoffnungen machen. Die vereinseigenen Pflegeplätze waren total belegt und eine Finanzierungshilfe in einer privaten Pflegestelle nicht möglich. Nun begann bei mir ein Wettlauf mit der Zeit. Es waren nur noch 20 Tage bis zum vorgesehenen Tötungstermin. In mehreren Foren von Hilfsorganisationen, einigen Mailinglisten und bei persönlich bekannten Hirtenhundebesitzern suchte ich einen Platz für Otto. Ohne Erfolg. Auch die Überlegung, Otto zunächst in unser eigenes Rudel aus 4 Hunden zu integrieren gab ich auf. Zu riskant erschien mir das bei den schon vorhandenen 2 Rüden. Private Tierpensionen winkten ab, als sie erfuhren, um was für einen Hund es sich handelt. Zudem war mir ja auch klar, dass es nicht nur darum gehen darf, Otto einfach wegzuschließen, sondern er musste ja auch beobachtet und sein Sozialverhalten gegebenenfalls korrigiert werden. Es kam daher zwangsläufig nur eine Unterkunft mit Erfahrung im Umgang mit Hirtenhunden in Frage.
Für mich war zu diesem Zeitpunkt nur eines sicher: Otto durfte nicht sterben! Diese Information gab ich an seine damaligen Besitzer weiter und sicherte ihnen zu, Otto am Sonntag, den 13. November aus Wien zu holen. Darufhin wurden mir noch zwei weitere Bilder von Otto zugeschickt.

Inzwischen war Otto auf verschiedenen Internetseiten als Nothund vorgestellt. Unter anderen auch bei den „underdogs-schattenhunden“, die auf ihrer Seite auch eine Spendensammlung für die anfallenden zukünftigen Kosten begannen.
Am 03.11. bekam ich überraschenderweise eine Mail von Andrea Dité (Verhaltenstherapeutin für Problemhunde) aus Wien.

So, jetzt kann ich dir in Ruhe berichten. Da ich dir ja gestern einige Fragen nicht beantworten konnte, kam mir heute um ein Uhr früh die Idee, Hr. W. zu bitten mit Otto bei mir vorbeizuschauen, damit ich mir ein Bild von dem Hund machen kann.
Also, Otto benimmt sich Fremdpersonen gegenüber nicht distanziert, er springt halt nicht jeden um den Hals, finde ich ganz normal für einen Herdenschutzhund. Menschen gegenüber zeigt er sich freundlich bis uninteressiert. Wir hatten Hundekontakt mit einem ausgewachsenen Rüden, und Otto zeigte sich positiv erregt. Forderte sogar den Fremdrüden mittels Spielstellung zum Spielen auf. Es wurde dann noch ca. 10 min. mit den Rüden spazieren gegangen- kein Problem.
Was ich beobachten konnte ist: Zwei andere Rüden fingen zu raufen an und Otto befand sich in der Nähe. Er zeigte einen erhöhten Erregungszustand und winselte dabei leise. Unmittelbar danach lenkt er auf den Besitzer um und versucht sich aufzurichten und klammert dabei mit den Vorderextremitäten.
In der kurzen Zeit wo ich Otto beobachten konnte, hatte ich eher das Gefühl, das ihn die Situation überfordert. Er versuchte nicht zu den Hunden hinzukommen. Er versuchte auch nicht Hr. W. zu schnappen oder zu beißen, und ließ sich sehr schnell wieder beruhigen, legte sich dann sogar hin.
Hr. W. hat mir berichtet, das er genauso bei seiner Frau reagiert. Versucht sie ihn dann abzuwehren, versucht er zu beißen. Wir waren anschließend noch in einem Kaffeehaus, dort zeigte Otto für mich ein für Herdenschutzhunden normales Verhalten. Er behält sein Umfeld sehr genau im Auge und reagiert auch auf Bewegungen von Menschen oder anderen Hunden. Bellt oder knurrt kurz, lässt sich aber sofort wieder beruhigen.
Ich traue mich nach der nur kurzen Begutachtung zu sagen, das der Hund in manchen Situationen Stress aufbaut, er fühlt sich überfordert und lenkt dadurch auf seine Besitzer um.
Auf mich hat Otto absolut keinen gefährlichen oder bedrohenden Eindruck gemacht.
Mit freundlichen Grüßen
Andrea Dité

Dies las sich doch im Gegensatz zu der ersten Verhaltensbeurteilung schon recht positiv und meine Frau und ich machten uns schon mit dem Gedanken vertraut, im allerletzter Konsequenz Otto doch noch zu uns zu holen.
Ebenfalls am 03.11. meldeten sich überraschend bei mir Mirjam Cordt, die eine Hundepension mit Hundeerziehung, speziell auch für Hirtenhunde betreibt und Clarissa von Reinhardt vom Verein
animal learn - Häuser der Hoffnung e. V.“
Beide waren schon vorab, parallel zu mir, von Ottos Situation unterrichtet.
Von Mirjam Cordt bekam ich die Zusicherung, dass sie Otto aufnehmen und trainieren will, von Clarissa von Reinhardt, die, dass der Verein den Unterbringungsvertrag abschließt und ebenfalls eine Spendenaktion in Verbindung mit einer Hundezeitung machen wird.
Nun schien eigentlich alles für den Transport von Otto bereit und ich stellte mich schon auf die Reise von Hannover nach Wien und zurück in die Nähe von Wiesbaden ein.

Die Gedanken, die mir dabei im Vorfeld durch den Kopf gingen:

Wie kann eine Tierschutzorganisation eine Hund aus dem Ausland holen und ohne weitere Bestimmung von Rasse und Charakter diesen an dafür unerfahrene Neubesitzer weitergeben?

Und: Warum fühlt sich diese Organisation nicht dafür verantwortlich, wenn es nach einer solchen Vermittlung zu unüberwindlichen Problemen kommt? Da wird ein Hund (hier Otto) vor der Tötung in Ungarn bewahrt und hätte beinahe in Österreich ein ähnliches Schicksal erlitten.

Wie kann eine Tierärztliche Praxis für Verhaltenstherapie nach wenigen Beobachtungsstunden und einigen Telefongesprächen ein solch vernichtendes Urteil über einen Hund fällen? Hinzu kommt, dass nach meinem Dafürhalten auf die speziellen Rasseeigenschaften eines Hirtenhundes (hier Kaukase) in keiner Weise, oder nur sehr oberflächlich eingegangen wurde.

Für mich ist das nur schwer nachvollziehbar und ich möchte daher an dieser Stelle alle potentiellen Hundeneubesitzer nur empfehlen, sich gerade bei Auslandshunden über Rasse und Hilfsorganisation im Vorfeld genauestens zu informieren. Und: jeder Tierarzt, Tierpsychologe oder Therapeut ist auch nur ein fehlbarer Mensch. Bei wirklich entscheidenden Diagnosen wird es immer sicherer sein, eine weitere Meinung einzuholen.